Rezensionen

 

     „Westfälischer Anzeiger“ 14.08.2004

Eintauchen in andere Welt

LITERATUR Evelin Oertelt hat mit "Ungarn - mehr als Paprika und Piroska" ein gelungenes Buch-Debüt vorgelegt. Ein Hauskauf war der Auslöser

Es ist mehr als ungarische Atmosphäre, die Evelin Oertelt mit ihrem gelungenen Buch-Debüt vermittelt. · Foto: Rother

Von Gisbert Sander

HAMM · Liebe macht blind - egal, ob nun ein Mensch oder ein Haus das Objekt der Begierde ist. Realitätssinn hat keine Chance, mit Zweckoptimismus zu konkurrieren, wenn sich der Tourist erst einmal in ein Ferienhaus im bevorzugten Urlaubsland verguckt hat.

Evelin Oertelt hat sich mit ihrem Ehemann Klaus einen solchen Traum spontan erfüllt - am Balaton (Plattensee) in Ungarn. Die Erlebnisse, die sich darum herum ranken, hat die Hammer Autorin nun auf 206 Seiten zu Papier gebracht hat: "Ungarn - nicht nur Paprika und Piroska" heißt das Buch, das in diesen Tagen im Gabriele-Schäfer-Verlag Herne erscheint.

Mit leichter Hand, hintergründigem Wortwitz und in bildreicher Sprache erzählt Ich-Erzählerin Oertelt die Geschichten, die sie seit dem Hauskauf 1998 zu "Teilzeit-Ungarn" gemacht haben.

Unverhofft auftauchende Reparaturen, unpünktliche oder unkonventionell arbeitende Handwerker und immer neue Ausbauwünsche sind das eine - das andere sind die Menschen in der Nachbarschaft, in die Familie Oertelt eintaucht und die auch dem Leser ans Herz wächst: Oertelt lässt ihn mithoffen, dass der Ausbau bald fertig ist; sie lässt ihn mitbangen um ein böses Gerücht, das die Nachbarschaft zu vergiften droht; sie lässt ihn mitfreuen, wenn Hochzeit gefeiert wird. Sie schildert kurzweilig ereignisreiche Familiengeschichten (auch die eigene), baut Spannung in alltäglichen Gegebenheiten auf, lässt den Leser an ihren kleinen Abenteuern teilhaben.

Lesenswert ist das Buch allemal für Menschen, die ihren Traum vom Ferienhaus realisiert haben: Sie werden sich - egal in welchem Land - darin wiederfinden. Lesenswert ist es beinahe noch mehr für Menschen, die daran denken, sich ein Ferienhaus zuzulegen: Die Gefahr, diese Idee nach der Lektüre zumindest nochmals erneut abzuwägen, ist groß. Lesenswert ist es zudem für Menschen, die sich für Ungarn und die Magyaren interessieren, denn auch das gelingt Oertelt: Sie bringt dem Leser Land und Menschen näher - nicht als Reisebeschreibung oder auf landeskundliche Art, sondern durchaus in literarischer Form.

So ist "Äwälin", wie sie liebevoll von der Schwabendeutschen Anna genannt wird, eines dieser Bücher gelungen, das nach einer Fortsetzung ruft. Vielleicht hat "Äwälin" ja nach dem Ende des Ausbauarbeiten ja Zeit, über Sehenswürdigkeiten, Folkloristisches oder touristische Verhaltensweisen zu schreiben.

Das dürfte ihr nicht schwer fallen, denn ihr Buch-Debüt macht spürbar, dass ihr Schreiben zu einem inneren Bedürfnis geworden ist. Dabei hat sie erst vor rund fünf Jahren begonnen, professionell zu schreiben -  als freie Mitarbeiterin des Westfälischen Anzeigers. Bis dahin hatte sie ihre Erlebnisse in Briefen an Freunde formuliert. Davon verwahrte sie Kopien und machte sie später zur Grundlage ihres jetzigen Buches. Der Sohn überließ ihr einen alten Computer, der mittlerweile am Balaton steht - in einem kleinen Arbeitszimmer, das ihr rechts den Blick in den Garten und links auf die Straße erlaubt.

"Es ist toll, in eine ganz andere Welt eintauchen zu können", schwärmt Oertelt. Ihr liegt vor allem an den Menschen ihrer "neuen Welt". Die Situationen, die sie mit ihnen erlebt, gibt sie mit Gespür für die richtigen Stimmungen adäquat wieder. Der humorige Stil habe sich "einfach so" ergeben. Eine gehörige Portion Ironie und Satire verleihen zusätzliche Würze, die schließlich auch den in Herne lebenden, aus Ungarn stammenden Verleger Dr. Tibor Schäfer überzeugte. Denn Oertelt war von vornherein klar, dass sie keinen Verlag wollte, in dem sie die Veröffentlichung bezahlen sollte.

Evelin Oertelt: "Ungarn - nicht nur Paprika und Piroska". Gabriele-Schäfer-Verlag Herne. 210 Seiten, ca. 16 Euro, ISBN 3-933337-33-X.